Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg an Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg, Wien am 18.07.1711
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kasten blau, 44/10
1Durchleüchtiger Curfürst, mein herzallerlibster herr bruder 2Zufohr ist mein schuldichkeit abzubitten, das ich so lang 3vnterlaßen, auf dero liebsts schreiben vom 28ten passato zu 4antworten. Vndt hoffe ich allein auf dero gütte, das 5sie mich in dißen meinen über alle meine kräften vndt 6capacitet aufgedragenen last compatiren werden vndt ein 7oder andere verabsaumung nit übel nemmen, noch wehniger 8selbige einiger abnemung meiner zu dero Liebden bestendigen dragenden lieb 9ausdeüten. Es ist auch dero schreiben mitt so vill bezeigungen 10dero brüderligen vndt mehr vätterligen lieb vndt vohrsorg 11gegen mich angefüllet, das ich niemahlen genugsamb darob 12mein dankbares gemüet erzeigen kann, insonderheit den eifer, 13so dero Liebden zeigen, den wahl termin zu verkürzen, welches vmb 14so vill mehr ich wünschete, als die zuenemmende gefärlige 15conjuncturen je langer je merer sich zeigen vnd deswegen die 16wall keinen dag zu verschieben wäre. Getröste mich der hoffnung, 17so dero Liebden mihr geben, das mein geliebster sohn, der Konig in Schpanien, durch 18einhellige wahl zu der römischen crohn gelangen werde,
19welches alsdan dero Liebden negst gott durch dero so eifrige vndt 20nachdrukhlige cooperation zue zu schreiben haben werde, vndt 21so woll mein sohn als ich vndt dises ganze erzhaus dero Liebden 22dauon ewige obligation haben werden. Mus aber dero Liebden klagen, 23vndt werden sie es vileicht schon vernommen haben, das der König 24in Polen vnter vorwant, das im dise verkürzung zu schpaht 25erinnert worden, er auch die instruction vnd equipirung 26nicht so bald einrichten könte, dise verkürzung nicht anemen 27will, vndt vngeacht alles des Grauen von Harrach vnd des englischen 28Gesanten bey ihme gemachter instantien darauf gebliben, das es 29bey dem 20ten augusti gelaßen werden müeße. Zeigt auch an, das 30er nit wiße, ob alle weltlige curfürsten consentirt hetten vndt 31die notwendige volmacht von mein sohn angelangt wären. 32Gleich wie die 2 lezten beschwerden schon gehaben vndt die andren 33sehr vnerheblich, also kombt mihr noch fremder vohr, was 34er an mein sohn, den König, schreibt, das nemlich seines darfürhaltens 35noch vorhero im curfürstlichen colegio zu deliberiren, ob man die 36josephinsche oder perpetuirlige capitulation zum fundament der könftigen zu 37nemmen, ja ob man nicht auf die fürstlichen motiua wegen der 38commercien eine refflection machen vndt solche oder auf dem 39reichs dag als ein reichsach oder dah im curfürsten raht zu 40Frankhfort in beratschlagung zu nemmen habe, vndt das sie
41darüber meins sohns meinung verlangen, dah er doch woll wißen solte, 42das in Schpanien mein sohn noch seine räht nicht genugsamb infor- 43mirt sein können von disen izt leider so verwirten reichssachen, dis 44mus dahin gestelt sein laßen. Es ist auch gestren der Cardinal von 45Saxen bey mihr gewesen, welcher zu Praag beim König wahr, 46hatt mihr vill schöne complimenten zwar überbracht, doch auch 47dolirt über mein schreiben, das ich gemelt nit vohr gutt zu sein, 48das er, der König, das comando über das neutralitäts corpo haben 49solle vndt auf Groß Glogaw gehen, sein vicariat zu exerciren. 50Er verlang weder eins noch das ander (welches doch aus 51seinen brifen hin vndt her clar erscheinet), es sey ihm aber 52hart, das man ihm verbiten wolle, auf Gros Glogaw zu 53gehen, woh es doch keinen versagt wirt, vnd dergleichen mehr, 54doch darbey protestirt, habe alle confidenz in mich vndt 55werde alles duen, was ich zu meins sohns vnd dises erzhaus 56besten von ihme verlangen werde, dabey gleichwoll die entschuldigung 57beygebracht, das er auf die verkürzung des wahltermins nit 58consentiren könne. Ich hab ihm alles representirt vndt alle 59dise scrupolen benommen, wie auch wie wehnig die eüßerlige 60parada mit der großen gefahr, welche dem gemeinen wesen vnd 61dem Reich in einen ganzen monat zuestoßen könne, vmb weßen- 62willen die allijrten auf die beschleingung der wahl dringen vnd
63bereits schon durch die französchschen anmarch zum Obern Rein 64genugsamb erfart, zu vergleichen, ich auch der königlichen vnd curbömischen 65gesantschaft anbefohlen, auf alle weis ihre reis nach Frankhfort 66zu beschleünigen, vndt wan auch andere gesantschaften dahin so frue kommen 67gegen den 20ten dises, auch mit hinterlaßung ihrer equipage 68aldah zu sein, allen mögligen fleiß anwenden sollen. Also 69will ich noch hoffen, er werde sich eines beßern resoluiren. Der 70Cardinal hatt mihr zwar auch verschprochen, es ihme durch 71eine eigene staffetta nachdrukhich zu representirn, das 72meriste peso aber wirt geben, wan dero Liebden representationes werden 73dazu kommen, er entlich werde dazu cooperiren, damit die etwan 74nach Frankfort in person kommende curfürsten vnd deren übrige 75gesantschaft aldah vmb so schlechter vhrsachen nicht lang 76vergeblig warten noch allerhandt widrige gedanken vndt argwon 77ihre besten freündten vnd alijrten auf sich kommen, sondern ihre gefolmachtigste 78vnuerlengt abfertigen werde, damit selbige, woh nicht just den 7920ten dises monats, wehnigst vohr ausgang desselben zu Frankfort 80sein mögen vndt das walwerkh vohrnemen helfen. Bitt derohalben dero Liebden, 81das sih auch dero officia beim Konig in Polen nachdrukhlig 82einwenden vndt verners alles beydragen wollen, was zu beschleü- 83nigung des wahlwerkhs gereichen kann, vndt können dero Liebden leicht erachten, 84in was sorg vnd vnruh ich sonsten stehen wurde.
85Dero Liebden vergebenmihr, das ich den vorigen bogen auf vnrecht papir geschrieben, war bey den 86carmelittirn, dah hatte kein anders, welche mich auch gebetten, dero Liebden die carme- 87litterinen zu Cöllen zu reccommendiren. Sie hetten von dero Liebden hoffnung, auf Hei- 88delberg zu fondiren, so habs hirmit ablegen wollen. Ich bin aber nit 89übel erschroken, aus dero Liebden schreiben zu sehen, das in selben meinen schreiben 90etwas gemeldt, welches dero Liebden einigen vnlust veruhrsacht hatt, vndt 91mueß es nuhr von meiner vngeschiklichkeit her rüehren, das ich 92mich nicht recht hab expliciren können, dan es gewißlich 93gahr nit so von mihr gemeindt ware vndt mihr gewißlich nichts 94in sinn kommen, was dero Liebden vicariatsrecht in gerinhsten prejudi- 95cirlich sein könte. Vndt habe die information von dem beyrischen kriegs 96vndt cameral standt darumb durch den Goes schiken wollen, weil 97ich glaubt, er könne dero Liebden es beßer müntlich vohrdragen, auch eins 98vndt andres erleütern, welches schriftlich nicht genuechsam 99hatt können explicirt werden, wie er es das bey seiner ankonft 100dero Liebden schon wirdt allen information geben haben. Wan dero Liebden aber noch ein 101mehrers verlangen, wirdt auf dero befehl die administration 102es gehorsamst erstatten. Ist mihr schon genug, das dero Liebden wegen der guar- 103nison quartir anweißungen iezt vndt konftig keine verendrungen 104machen wollen, wie auch alles bey dragen was zu meins sohns vndt 105dises hauß besten vndt aufnemmen gedeyen mach. Vndt gleich es 106mihr ein großer trost vndt erleichterung meiner übergroßen
107sorgen gereichet, also bleibe dero Liebden dauohr vnentlich obligirt vndt 108werde es auch meinen sohn nit genugsamb anrüemen konnen 109vndt hab also auch nit zu zweiflen, das, wan dero Liebden noch ein oder andere 110verenderung in Beyren zue duen nötig erachten wurde, welche mitt dennen 111dieszeitigen vohrigen dispositionen einige conexion haben, dero Liebden so güttich 112sein werden, gleich sie es in ihren schreiben melden, mitt mihr darüber sich vohr 113hero zue vernemmen. Damit aber dero Liebden sehen, wie dero vicariat in Beyrn 114mehr als in kein andren ordt respectirt wirt, berichte dieselbe, das nach 115deme vohrin alle jahr vierthalb oder woll auch vier steüren in selbigen 116landt ausgeschriben worden, ich in meinung, das auch dises iahr dißes 117geschen oder noch gescheen werde, die bekante erklärung zu Regenschpurg 118duen laßen, das zu der reichs kriegs cassa neben dem beyrischen ordinari 119contingent noch absonderlich 100000 gulden aus den beyrischen einkünften 120erlegt werden solten. Weilen sich aber nun findet, das die aus- 121schreibung der 4ten stewer noch nicht gescheen, sondren sondren 122wie im verwichnen auch dißes iahr bis in den sommer ver- 123schoben worden, derowegen dan die 100000 gulden abzuefüren vnmöglich ist, so habe124es dero Liebden communiciren wollen vndt venemmen, ob inen nit belibet, 125das dise 4te stewer von der administration in dero nahmen 126ausgeschriben werde. Dißes gereichete so woll zu des gemeinen 127besten, als das ich bey meinen dem Reich gegebenen verschprechen 128ein genüegen duen vndt bey reputation erhalten werde, 129gleich auch dißes zue dißes haus dienst notwendig, zu 130welchen dero Liebden sich so generos erbotten zue cooperien. So seze
131zue mein liebsten papa mein ganz vertrawen, das sie mich 132nicht werden steken laßen, sondren zue dißer auschreibung 133die handt bieten, was die obenente steür betrifft, wie ich 134dann die administration disfals an dero Liebden verweißen werde. 135Indesen werden dero Liebden auch schon vernommen haben wegen der 136starken detachement, so Frankhreich an Obren Rein schikt, 137dass der Prinz Eugen auch gezwungen worden, gleichmaßigs zu duen 138wie auch selbsten dorthin sich zu begeben, welche not 139nit allein die alijrte erkent, sondern selbsten darob, das, 140wan es noch nohtwendig sein wurde vndt sich die franzos 141dorten mehr versterken, sie auch noch von ihren eigen troupen 142dahin abschiken werden. Das neutralitet corpo kombt zu- 143sammen vndt wirt woll nötig sein, das Reich vndt die 144Erblanden vohr den türken vnd schweden zu schüzen. Es scheint 145auch, das der Zaar nit woll mitt disen hoff zu friden, 146in dem er den Raccozi vnd sein anhankh so protegirt, 147ich geb aber alles dem abgeschmachten Vrbich die schuldt, 148der niks kann als mit er neben der warheit schpaziren vnd 149die leüt aneinander hezen, gott wolle vohr allen vnheil 150bewaren. Hab dero Liebden gahr zu lang aufgehalten, due mich in 151dero wertiste affection befehlen, die ich leben vndt sterben werde 152dero Liebden 153getrewste schwester 154Eleonora 155Wien den 18ten julij 1711









