Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg an Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg, Wien am 17.09.1707
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kasten blau, 44/9
1Durchleüchtiger Curfürst, mein herzallerlibster herr bruder 2Nach dem dero Liebden schon werden vernommen haben, das vnser armée 3vohr Toulon abgezogen, so können dero Liebden leichtlich erachten, 4in was sorgen ich iezt gesezt bin, meinen sohn so abando- 5nirt vnd exponirt zu wißen, dan ohne fähl iezt alle 6feintlige macht, so in Provence gestanden, auf in fallen 7wirt. Also weilen dero Liebden schon einmahl so generos dero troupen 8concedirt haben, so hab ich all mein vertrawen auf dero Liebden, das 9sie in dißer grösten noht dis meinen sohn nit verßagen 10werden vndt also baldt die ordre an die officir schiken, 11das sie in Catalognen so balt möglich sich begeben sollen. 12Wegen des consenz der holländer wirt kein difficultet sein 13vndt duet mein son, der Keiser, es auf sich nemmen, mit 14ihnen alles zu aijustiren wie auch die spesen des transport 15vnd in Schpanien die verpflegung vnd sold über sich zu nehmen,
16westwegen eben dißer courir an bede potentien abgeschikt 17wirt. Die proposition der redoucirung der troupen, so man dero Liebden gedan, 18so werden selbige nachmahlen darumb ersucht, dan obwollen 19sie etwan selbigsmahl nach der tabel, so dero Liebden ihr comissar 20ihnen geschikt, möchten starker gewesen sein, als man hir nit 21glaubt hatt, so ist doch dißer vnglükhsehlige march 22in Prouence so schwär gewesen, das sie, gleich auch alle 23vnsere troupen, ein nahmhafftes werden abgenomen 24haben. Erbiet sich auch der Keiser, nachgehns darob zu sein, 25damit durch ersezung andere regimenter oder sonsten die 26officir zu dero Liebden dienst widrumb könten accomodirt werden. 27Bezihe mich in allem disen, was mein geliebster sohn, der Keiser 28Mayestät Liebden, dero Liebden schreiben wirt vndt der Wißer dero Liebden berichten, dan ich dises 29so in eil geschriben, den courir nit aufzuhalten, das ich 30woll möglich einigen fäller möchte gedahn haben. Ich hab alzeit 31so vill lieb von dero Liebden gegen mich vndt auch meinen sohn, 32den König, geschpürt, das sie vns in diser noht nit 33abandoniren werden vnd dise zu so villen andern obligationen, 34so mihr dero Liebden bereits getan haben, zuesezen werden. Ich hab alle mein vetrawen 35vnd gänzlige hoffnung auf dero Liebden, sonst wär ich vntröstlich,
36mein sohn in so großer gefahr zu wißen, welcher mihr 37schreibt, resoluirt zu sein, seine trewen vnterdahnen 38biß zu lezter extraemitet nit zu verlaßen. 39Wegen Napoli machen sie wider newe instantien, 40ich halt mich aber, das ich ohne Königs begern vnd 41der allijrten garantie niks verschprechen kan. Sie schreyen, 42ich solls nuhr dan auf dise conditiones verschprechen, 43wan der Konig es verlangt vnd die alijrten guarantiren, sonst 44werd das Königreich verlohrn gehn. Ich halt mich aber 45auf dises fäst, doch habs dero Liebden schreiben wollen vmb raht, dan 46wolt mihr auch nit gern adossiren laßen, das ich schuld 47sey, das das Königreich verlohrn gangen. Sie sagen, sie verlangen 48nit, das ich ein zeit benenn, sondern wans auch nuhr 49auf etlich wehnig monat währ, so wurd es den 50erwünschten effect haben, auch dis nit ender, bis das 51vollige Königreich sich ergeben vnd vereingt hab. 52Due mich dero Liebden befehlen, die ich lebe vnd sterbe 53dero Liebden 54getrewste schwester 55Eleonora 56Wien den 17ten septembris 170757Bitt mich bey meinder liebsten fraw schwegerin zu entschuldigen, der 58courir geht gahr zu eilich, bitt ihr vill schöns auszurichten.




