Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg an Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg, Düsseldorf am 14.03.1697

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kasten blau, 44/7

AbschriftSchreiber

Dankt für die Protektion der oberrheinischen, westerwäldischen und wetterauischen Stände . Bittet um weiteren Schutz gegen die Forderung des Landgrafen von Hessen-Kassel, die Vereinigung der Stände wieder aufzulösen und alle ihre Truppen unter sein Kommando zu stellen. Tatsächlich kann der Landgraf aber kaum 4.000 Mann stellen, während die genannten Stände 6.000 bis 7.000 Mann und JW noch einmal so viele unter dem Kommando des Markgrafen von Baden marschieren lassen. – Dankt für EMTs Einsatz für seine Subsidien und hofft, bis Ende des Monats sechs Kavallerieregimenter und vier Infanterieregimenter vollständig zu haben und noch zwei zusätzliche zu kaufen. – Bezieht sich zur dänischen Heiratssache auf seinen letzten Bericht. – Was den Vorschlag der Gräfin Berlepsch angeht, wird der Graf Harrach die Königin (Schwester Maria Anna), die etwas wunderlich und empfindlich ist, am besten davon abbringen können. JW möchte seinen Feldzeugmeister Graf von Elter zur Wahrung seiner Interessen nach Spanien schicken; dieser wird gut mit dem Grafen Harrach kooperieren. – Bedauert, dass sein Vorschlag (betreffend eine Ehe zwischen König Joseph I. und der "Mademoiselle" Elisabeth Charlotte von Orleans ) nicht in Frage kommt, da er ein Mittel gegen alle derzeit drohenden Übel wäre. Stellt aber alles EMTs reiflicher und unvoreingenommener Überlegung anheim. – Ist sicher, dass die Schwägerin (Pfalzgräfin Maria Anna Franziska) ihren Brief anders gemeint hat, als EMT ihn versteht. – Das Treffen zwischen Prinz Jakob (Sobieski) und Bruder Karl (Philipp) war nicht erfolgreich, denn der Prinz will die (polnische) Krone lieber JW oder dem jetzigen (Hoch- und) Deutschmeister (Bruder Franz Ludwig) gönnen als Bruder Karl (Philipp); JW will sie aber nicht. – Freut sich, dass der Bischof von Passau nach der polnischen Wahl Botschafter in Portugal werden soll. – Graf Hamilton wurden seine Verbrechen bereits schriftlich und mündlich vorgehalten, und da EMT in den ihr geschickten Protokollen nicht Gravierendes findet, wäre es sinnlos, sie ihm zu zeigen. – Wird EMTs Befehl bezüglich des Grafen von Limburg und Styrum gerne folgen. – Bittet um Ausstellung des Indigenats (wohl des böhmischen Indigenats für Prinz Gian Gastone von Toskana ) und des Generalspatents für den Grafen von Nassau-Weilburg . – Empfiehlt das Anliegen seines neuen Obristkämmerers Graf von Bentheim .

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000114. martii 97 0002copia 0003Allerdurchleuchtigste etc. 0004Ewer kayserlichen Mayestät allergnädigstes handtbriefflein vom 000527ten februarii jüngst habe ich mit tieffestem 0006vnterthänigstem respect, zue recht gehorsamst erhalten, 0007erstatte deroselben zue forderist aller vnterthänigsten 0008danckh, vor der mächtigste protection, so die- 0009selbe denen armen so bedrangt gewesenen vnd noch 0010durch die hessen leidenden oberrheinischen, vnd 0011westerwäldischen auch wetterauischen anjezo mit 0012mir sich völlig gesetzten ständen, leisten, sie 0013habens nebens mir, gewiß hochlich vonnöthen. 0014Bitte derowegen ganz vnderthänigst fueßfällig 0015vns vmb so mehr vor allem widrigem zue 0016schüzen, als man zu nicht geringer kleinmuetig- 0017keit, der mit so großer mühe, arbeith, vnd kosten, 0018zuesamen gebrachten obgemelten ständen, anjezo 0019es parte caesaris et ministerii zue muethen will, 0020das die letzt ex proprio motu zue den anderen 0021constatibus sich vereinigte stände, noch dises 0022jahr nicht allein wider zu dem Landtgraffen 0023von Cassel sich zu ruckh, vnd von disem foedere 0024wider ab begeben, sondern so gar ich, und die 0025gleich anfangß sich mit mir gesetzte stände,


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0026vnsere troupen gleichsamb zue dem Landtgraffen 0027von Cassel stossen, vnder dessen direction bis zue 0028endt maii stehen, vnd auffs new vnß mit ihme 0029in gefahr, vnd compromis stellen sollen, obwohlen 0030solches nicht eben so deutlich gemeldet worden, 0031so ziehet das erstere dise andere ineuitable böse 0032sequelas, vnuermeinlich nach sich. Bitte derowegen 0033vmb der barmherzogkeit gottes willen, ewer kayserliche 0034Mayestät wollen uns, von disem zumuethen allergnädigst 0035befreyen, dann es können sich dieselbe ohne dem 0036gäntzlich gesichert halten, daß obgemelte stände, 0037vnd ich ein solches nicht allein in ewigkeit nimmer- 0038mehr eingehen, sonderen alles was wir in der welt 0039haben bis auffs letzt lieber auffsetzen werden, 0040als im geringsten in einige weise vns hierinnen einzue- 0041lassen, vnd von unserer zuesammen setzung, so einzig 0042vnd allein zue ihrer kayserlichen Mayestät vnd deß gemeinen 0043wesens dienst eingerichtet, vnd zue conseruation 0044der obgemelter betrangter ständen jurium vnd 0045freyheit collimiert, im geringsten zue weichen. 0046Ich kan nicht capieren, wer doch den Landtgraffen 0047vnd dessen armatur vor so gar considerabel vnd gros 0048machen mag, und in wehme sie bestehen solle, 0049nachdemahlen weltkundig, daß, wann die ob- 0050gemelte herren stände von ihme, wie würckhlich


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0051gott lob geschehen, abtretten, er sambt Darmbstatt, 0052Franckhforth vnd Fridtberg in allem vnd allem kein 00534.000 mann stellen kan, vnd mueß es eine grosse 0054ignorans sein deren, die den Landtgraffen annoch por- 0055tieren wollen, oder aber eine vnüberwindtliche malizia, 0056daß sie denselben so mächtig vnd considerable 0057machen wollen, dahe es sich in der that zeigen wirt, 0058daß die mit mir stehende alliierte stände allein 00596.000 bis 7.000 mann dises jahr ins feldt stellen, 0060vnd ich ohne ihnen wenigstens so viel vnd zwaren 0061alle, wehrender campagne hindurch, vnder deß herrn 0062Marggraffen von Baden commando marchieren lassen 0063werden. Vnd können ewer kayserliche Mayestät wohl gesichert 0064sein, das keiner von allen evangelisch lutterischen 0065noch calvinischen ständen sich deß Landtgraffens 0066vngereimbter vnd vnrechtfertiger praetension, 0067vnd harten vnuerantworthlichen verfahren, 0068im geringsten annehmen werde, dauon ewer kayserliche 0069Mayestät die euidente probe in kurzem sehen 0070werden. Bey disem der sachen warhafften 0071vnd fundamentalen beschaffenheith, lasse ich 0072ewer kayserliche Mayestät allergnädigst höchsterleucht erachten, was 0073vor ein schwaches fundament diejenige haben, 0074so den Landtgraffen von Cassell, so blindt portieren?


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0075Welches mir dann desto grössere hoffnung 0076gibt, ewer kayserliche Mayestät werden mich, vnd die an- 0077jezo mit mir sich gesetzte herren stände desto kräfftiger 0078protegieren, als ihro Mayestät mein allergnädigster Kayser 0079und herr, von dieser armatur nebenst dem 0080publico, weit ein grösser nuzen, dienst, und 0081aduantaggio hierdurch zu wachset, so der effectus 0082zeigen wirt. Erstatte vnderdessen ebenfals 0083ewer kayserlichen Mayestät allervnterthänigsten danckh, das die- 0084selbe sich so allergnädigst meiner subsidiorum 0085annehmen, ich zweiffle ganznicht ahn dem 0086erwünschten effect absonderlich dahe dieselbe 0087zeigen, daß sie es recht schaffen ernsthafft ver- 0088langen, vnd können ewer kayserliche Mayestät wohl gänzlich 0089gesichert sein, daß dise geldere, zue dero, vnd 0090deß publici dienst mit allem eiffer angewendet 0091werden sollen, wie ich dann auff deren sicherer 0092erwarthung, würcklich mich über macht der ge- 0093stalten angegriffen angreiffe, das ich gänzlich 0094verhoffe zue endt dises monaths, meine sechs 0095regimenter cauallerie vnd 4 regimenter infan- 0096terie völlig nicht allein completieret zue haben, 0097sondern auch wohe nicht alle, wenigsten bis auff 0098eines, ins feldt zuestellen, vnd wann das glückh


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0099mir ein wenig fauorabel ist, noch zwey oder 0100drey regimenter infanterie zue ihro kayserlichen Mayestät 0101vnd deß gemeinen wesens dienst zue erkauffen, 0102zue welchem ich dann der gnädigst zue gelegten 0103geldern höchstens bedürfftig bin. Bitte derowegen 0104ebenfahls ganz vnderthänigste mir hierinfalß ebener 0105massen dero mächtigste protection zue verleyhen. 0106Im übrigen ist es eins excess dero gnädigkeith 0107daß dieselbe, wegen dero auffschuebs in beant- 0108worthung meiner vnterthänigster berichten ent- 0109schuldigen wollen, dahe mirs jederzeith die gröste 0110gnade ist, wann ewer kayserliche Mayestät mit mir allergnädigst 0111nach belieben disponieren vnd dero gelegen- 0112heith brauchen. Waß sonsten das dänis0113ches heyratsnegotium ahnlanget beziehe 0114ich mich mit ewer kayserlichen Mayestät allergnädigster erlaubnuß 0115auff mein letzteres vnderthänigstes berichtschreiben 0116kürze halber. Sovihl aber der Berlips0117in vorschlag ahnlanget seind ewer kayserliche 0118Mayestät freylich haubtsächlich recht darahn, und wehre 0119freylich gueth, wann man es ihnen auß dem 0120kopf schwäzen könte, weilen es aber eine so 0121häcklige materie ist, so stehet wohl zu bedencken,


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0122wie man es recht, vnd mit allem glimpff 0123vnd cum efficacia angreifft, so meines behalts 0124der Graff von Harrachen am besten wirt 0125thuen können, allein weyllen die guete Koni0126gin so wunderlich heicklich ist und0127kitzlich, so wirdt der modus mit0128welcher es vorgebracht werden0129solte, wohl wohl zue uberlegen sein.0130Zue deme so bin ich gesint meinen Feldtzeugmeister 0131Graffen von Elteren dorthin abzueschickhen0132umb meine wenige interessen und ahnli0133gen aldortten zue poussieren, solten ewer 0134kayserliche Mayestät allergnädigst vermeinen daß er darinnen 0135auch einige nuzliche vnterthänigste dienste 0136zu praestieren vermögte, absonderlich dahe 0137derselbe alle die drinnigen minis0138tros und intrigues in der per0139fection kennet, so bitte ich vnterthänigst 0140ewer kayserlichen Mayestät allergnädigste gemessene 0141instruction vorzueschreiben, wie de0142rselbe sich aldortten zue verhaltten.0143Das können ewer kayserliche Mayestät gewis gesichert sein, 0144das er trewlich alles herren Graven


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0145von Harrach hindterbringen und mit0146ihme uberlegen wirdt, was zue des glor0147würdigsten ertzhauses dienst und auff0148nehmen gedeyen kann. Das sonsten auff meinen 0149vnderthänigst gethanen vorschlag nicht zu gedenckhen, 0150ist mir vmb so mehr herzlich leidt als ich tanquam 0151unicum et sicurissimum remedium omnium 0152imminentium malorum, vnd vnserem 0153allergnädigsten Kaysern und herren nicht allein das 0154ihme alleinig competirendes munus arb0155itris pacis et belli wider zuzuaignen, 0156sonderen auch einen advantagiosen und0157gloriosen friden nebenst der ruigen0158succession der spanischen monarchie0159aus trewistem vnterthänigstem eiffer vnd wohl- 0160meinung vorgebracht, vnd bin noch gesichert, 0161das wans ewer kayserliche Mayestät recht vnpraeoccupieret 0162examinieren, vnd überlegen werden, sie meine 0163dabey führende vnderthänigste auffrichtigste in- 0164tentiones applacidiren, und approbieren, auch 0165vielleicht, mehrere reflectionen darauff nehmen 0166werden, als nicht eben anjezo. Ich stelle doch 0167alles billigst, dero allerhöchst erleuchten 0168prudenz lediglich anheimb, vnd tröste mich


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0169mit deme, das ich zum wenigsten meinen 0170vnderthänigsten pflichten mit schuldigkeit gemäß 0171erinnert, was ich in der that repositâ 0172quauis passione vermeinet, und gefunden 0173deß glorwürdigsten ertzhauses nutzen und 0174dienst zue sein. Waß den Graffen Philipps 0175von Sinzendorff vnd dessen auffgebene com- 0176mission anlanget, beziehe mich auff meinen 0177letzteren vnterthänigsten bericht gehorsambst, vnd bin 0178moraliter gesichert, das meine fraw schwägerin 0179den intent eben nicht in ihrem an ewer kayserliche Mayestät 0180abgelassenem schreiben gehabt, den dieselbe 0181so vngnädigst anziehen wollen. Waß daß 0182pohlnisches wesen anlanget, scheinet allem 0183mir gegebenem bericht nach, daß die abge- 0184legte visita vnd entreueuè vom Prinzen 0185Jacob mit meinem bruedern Carl nicht 0186eben den verlangten effect in dessen ge- 0187müeth gethan, so klährlich daraus abzue- 0188nehmen, daß er lieber die cron mir, oder dem 0189jezigen Teutschmeistern gönnet vnd antraget, 0190alß dem Pfalzgraffen Carl. Waß mich anlanget, 0191kan ich ewer kayserlichen Mayestät auff meine ehren versichern,


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0192daß wann mir dise cron mit gewalth 0193angetragen würde, ich sie beständigst, vnd 0194vnueränderlich refusiren würde, dann die 0195nation vor meinen humor nicht tauget, vnd 0196weilen aller apparenz nach der Prinz Jacob nimmer 0197mehr darzue gelangen wirt, so bitte ich ewer 0198kayserliche Mayestät allervnterthänigst meinem armen 0199bruedern dem Pfalzgraffen darinnen mit nach- 0200truckh zu protegieren, und verhülfflich zu sein. 0201Daß der herr Bischoff von Passau, nach vollendeter 0202polnischer wahl als Pottschaffter in Portugall 0203verreisen solle, frewet mich von herzen, 0204und wirt freylich der armen Königin zue 0205keiner geringen subleuation vnd trost ge- 0206raichen. So viel den Graffen von Hamil- 0207ton ahnlanget, bitte ich ewer kayserliche Mayestät zue 0208glauben, das man ihme sein verbrechen 0209schrifft- und mündtlich vorgehalten, vnd er 0210selbsten gebetten, selbiges vor ewer kayserlichen Mayestät zue 0211verhehlen, vnd weilen ewer kayserliche Mayestät allergnädigst 0212dauor gehalten, daß in denen überschickten prothocollis 0213nichts enthalten, so ihne grauiren könte, so sehe


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0214ich vnterthänigst nicht, wovor solche ihme zu com- 0215municiren seyen, oder warumb ich mich 0216in langem process einlassen solle. Thete 0217also ohne vnderthänigste maßgebung da- 0218uor halten, das selbige communication vnd 0219seine fernere verantworthung vnnöthig, vnd 0220überflüssig seyen, absonderlich dahe ihme 0221die vrsachen seiner vngnade gnueg schrifft- 0222vnd mündtlich zue gestelt worden, vnd er 0223selbige gar hoch, zu supprimieren gebetten, 0224wollen, also ewer kayserliche Mayestät mir eine große 0225gar grosse gnade thuen, so lassen dieselbe 0226es dabey allergnädigst bewenden. So 0227viel deß Graffen von Styrumb seine sachen 0228anlanget, können ewer kayserliche Mayestät gewis 0229gesichert sein, daß ich dero allergnädigsten be- 0230felch in allem umb so lieber nachkommen 0231werde, alß der Styrumb seine catholische 0232güether dem Churfürsten von Brandenburg 0233hatt verkaufen wollen, so nicht ohne höchstem 0234praejudiz vnd gefahr der religion vnd deß 0235Hoch Stiffts geschehen wehre. Schließlichen


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0236allergnädigste fraw, thue ich nochmahlen 0237die ehiste depechirung deß Zinzendorffs 0238hineingeschickten courriers, wie auch das in- 0239digenat sambt deß Graffen von Nassau 0240Weilburgs expedition oder patents alß 0241General von der cauallerie, wie auch meines 0242jezigen Obrist Cammerern deß Graffen von 0243Bentheimb anligen nochmahlens bester masen 0244vnterthänigst recommendieren, vnd in vnuer- 0245änderlicher deuotion verharren. Düssel- 0246dorff den 14 martii 1697. 0247Ahn 0248ihr Mayestät die Kayserin 0249von 0250ihr Durchlaucht aygenhändig also 0251abgangen.