Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg an Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg, Düsseldorf am 25.01.1702

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kasten blau, 44/8

AbschriftSchreiber

Die in der Nähe liegenden Franzosen und der heute angekommene Herzog Karl von Lothringen, Bischof von Osnabrück, hindern JW bisher, EMTs letzte drei Schreiben zu beantworten. – Sendet einen Auszug aus einem Schreiben seines Agenten Fede in Rom mit dem Anliegen des Papstes wegen des bevorstehenden Marschs kaiserlicher Truppen nach Neapel . Falls ein Durchmarsch durch den Kirchenstaat unvermeidbar wäre, zweifelt JW nicht, dass auf höchste Disziplin und eine rein katholische Mannschaft geachtet würde. Bittet, dem Papst eine entsprechende Zusicherung des Kaisers übermitteln zu dürfen. – Tut sein Bestes wegen des Fräuleins von Starhemberg, nur sind die hiesigen Leute so geldgierig, dass kaum jemand eine Arme zu heiraten will. – Sendet beiliegend, was der Hofkriegsratspräsident Graf Mansfeld an Mylord Carlingford geschrieben hat. Gegen Carlingford ist als militärischer Kommandeur für die Stadt Köln nichts einzuwenden außer seinem Alter. JW bittet, dass entweder ein tatkräftigerer General eingesetzt oder Carlingford der Bischof von Raab als Berater zur Seite gestellt wird, da er wie kein anderer beim Domkapitel und bei der Bürgerschaft Autorität genießt. Sollte der Bischof von Raab aber aus dieser Gegend abberufen werden, würde auch JW alle Bemühungen einstellen.

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000125 januarii 17020002copia 0003Allerdurchleuchtigste etc. 0004Ewer kayserliche Mayestät nehmen mir nicht ungnädigst, das 0005ich auff drey deroselben gnädigste schreiben nicht gehorsamst schuldigster 0006massen antworthe. Die heunt zu mittag geschehene 0007glückliche anherokunfft deß herrn Herzogen Carl zue 0008Lothringen, Bischoffen zu Oßnabruckh, so nach Cöllen 0009gehet, vmb seine residenz aldorten zu halten, hatt 0010mich jezo, die vorige tage aber bishierhero haben mich 0011dise in der nähet ligende franzosen, daran gehindert, 0012indeme sie uns hier, mit jhren beständigen marchen, 0013vnd remarchen in etwan auff der hueth zue 0014sein, verursachet, absonderlich aber gesorget sie0015mögten unser dessein wegen Kayserswerth 0016vnd Bonn erfahren haben, mich derentwegen 0017auff meinen Hoffcanzler Wieser gehorsamst be- 0018ziehend, mit nechstem werde mich befleissen, 0019auff alle drey so viel möglich, schuldigst vnderthänigst 0020zue antworthen. Hoffe indessen ewer kayserliche Mayestät 0021werden mir disen geringen auffschub, nicht in 0022vngnaden vermerckhen. Sonsten belieben 0023ewer kayserliche Mayestät sich aus dem copeylichen extract 0024schreibens meines agenten zu Rom Fede, an 0025mich, so ich mit gestriger ordinarj erst erhalten,


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0026vnderthänigst vorbringen zu lassen, was vor ein 0027anligen ihro päbstliche Heyligkeit wegen der beuorstehenden 0028durch marche der kayserlichen völkher nacher Neapoli 0029mir eröffnen lassen. Gleichwie nun ich ganz 0030gesichert bin, daß, wann es die ragione della 0031guerra, vnd die äusserste noth nicht erforderte, 0032ihro Mayestät mein allergnädigster Kayser und herr 0033keines wegs zuegeben würden, das der stato 0034ecclesiastico, vnnöthiger weise, auch nur mit 0035dem allergeringsten durchmarche, incommodieret 0036werden solte, also zweifle ich herentgegen auch 0037nicht, fals ein solcher durchmarche jahe iné- 0038vitabel sein müeste ihro kayserliche Mayestät disem 0039so heyligen, nicht weniger, alß wahrhafftig liebstem 0040vnd rechtem gemeinem vattern, vnd wohl in- 0041téntioniertem Pabsten, dises sein billigstes 0042pétitum, wegen obseruierung der allerschärpfisten 0043militarischen disciplin, vnd billigen veneration 0044vor dessen landen, auch das das jeniges corpo 0045so alßdann jahe hinein beordert werden solte, 0046in lauther guet catholischen leüthen bestehen 0047mögte, alß welche darauff von selbsten allen 0048billigen riguardo haben. Thue also ewer kayserlichen Myestät 0049vnderthänigst fueßfalligst bitten dero höchste vermögen-


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0050heith in disem so billigem petito vnsers wehrtisten 0051heyligen vatterß kräfftigst zue interponieren vnd mir 0052ehistens eine gnädigste willfahrige, vnd trostreiche 0053resolution von unserem allergnädigstem vnd ebenfalß 0054heyligen Kaysern und herren, welcher so augenscheinlich 0055die handt gottes vor sich hatt, allergnädigst zue über- 0056schickhen. Mir geschiehet hierdurch die allerhöchste kayserliche 0057gnade, welche mich über alles frewen wirt, vnd 0058ich aus allen meinen nur erdenckhlichen kräfften zue 0059demerieren, mir äusserist angelegen sein lassen werde. 0060Wegen der mir gnädigst auffgegebener commission die 0061fräwlein d Stahrenberg betreffendt werde 0062ich mein äusseristes thuen, allein so viel ich den 0063humor der hieländischen leuthe kenne, alß 0064welche wegen der stiffter gar heyckhlich, sonsten 0065auch von gar geltbegieriger, und geiziger 0066natur sein, vnd in der begierligkeit vner- 0067sättlich (wie ewer kayserliche Mayestät das vivum 0068exemplum ahm Thombherren Nesselrath 0069haben). Zue deme können ewer kayserliche Mayestät mir 0070künlich glauben, das einer so nur mittelmässige 0071mittelen hatt keine arme, absonderlich, vmb 0072sich allein mit dem kayserligen cammerschlüssel 0073zue vergnüegen (vnerachtet diser grösten gnade)


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0074auch vom heyligem Paulo jahe von allen 0075heyligen vnd heyligen engelen im aller 0076geringsten zue persuadieren seind wird. Ich will 0077aber mein allerbestes thuen, vnd weilen 0078dem gemeinen dauor halten nach keine 0079bessere kuppeler als münchen und pfaffen 0080(jedoch alles in ehren gemeint) seind, so 0081habe ich schon würckhlig meinem Pater Beichtvatter 0082sub sigillo confessionis commission ertheilet. 0083Es gehet ihme aber fast, wie mir selbsten 0084vnd förchtet nichts zue finden, so bald ich 0085aber etwas erfahre, ermangle ich nicht 0086ewer kayserlichen Mayestät vnderthänigst zu berichten. 0087Vnd thue etc. Düsseldorff den 25 januarii 1702. 0088Postscriptum 0089Auch etc. belieben ewer kayserliche Mayestät auß hiebey 0090gehender anlaage allergnädigst zue ersehen 0091waß der Hoffkriegßrathßpraesident, herr 0092Graf von Manßfeldt, an den Mylord Carlinfort 0093so wohl wegen deß commando in der statt Cöllen, 0094als auch wegen respiciierung der in publicis 0095et politicis, daheselbsten vnd in der gegend 0096vorfallender kayserlicher interesse bey gegenwärtigen


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0097höchstgefährligen conjuncturen schreibet. Nun 0098hab ich zwarn an deß guten ehrligen Carlinforts, 0099oder Graff Taffs persohn nichts einzuwenden 0100absonderlich so viel das militare oder das com- 0101mando in gemelter statt Cöllen ahnlanget, ausge- 0102nohmen, das der gueter mann sehr alth, und wegen 0103vieler am leib habender ohngelegenheithen ahm 0104podagra, stein, und dergleichen etwas vnbequem, 0105im fall einer attaque oder bombardierung mit 0106vigor das commando zue führen, es seye dann 0107das er von einem so ihme mit rhat und that 0108ahn die handt gehet, vnd welcher absonderlich 0109nicht allein von denen statt cöllnischen sachen wohl 0110informieret ist, vnd dabenebenst bey dem 0111magistrat, vnd dem gemeinem volckh in 0112rechtschaffenem credit vnd auctoritet stehet. 0113Solchen falß ist absolutè kein besserer, als der 0114herr Bischoff von Raab. Es müeste derselbe 0115aber den kayserlichen caracterem den er würckhlich 0116hatt, behalten, vnd die publica vnd politica 0117von ihme allein dependieren, vnd derselbe von 0118ihro kayserlichen Mayestät allergnädigst befelchet sein, dem 0119Mylord Carlinfort in militaribus rechtschaffen 0120auffzuemunteren, und mit rath und that an 0121die handt zue gehen, er Carlinfort auch ahn obgemelten


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0122herrn Herzogen zue Sachsen, oder Bischoffen zue 0123Raab ahngewiesen sein, so wirt alles gar 0124wohl gehen. Solle dises alles aber nicht sein, 0125sondern der liebe herr Bischoff zu Raab avocirt 0126werden (welches gott verhüethe) so ist nichts 0127gewisers, als das primo das commando mili- 0128tare bey dem guten alten Carlinfort sehr 0129schläfferig, vnd schlecht ablauffen, die bürgere 0130in Cöllen schwürig gemacht, das thumbcapitulum 0131so anjezo meinem allergnädigsten Kayser ganz und 0132zuemahlen dévot, falß es von dem vorstandt 0133deß mehrgemelten herrn Herzogen von Sachsen Liebden 0134solte beraubt, und sich dessen destituiret, 0135oder priuiert sehen, sich leicht durch betrohungen 0136vnd dergleichen wirt verlaithen lassen, nach 0137Chur Cöllens willen und der franzosen ver- 0138langen sich zue richten. Dann er allein, durch 0139sein bey dem thumb capitulo habendes 0140credit, vnd auctoritet, dasselbe in der de- 0141votion pro Caesare haltet, vnd kein anderer 0142wer der auch immer seye, so wohl beym thumb 0143capitolo als dem stattcölnischem magistrat 0144vnd bürgerschafft das credito, vnd auctoritet 0145sich in alle ewigkeit, absonderlich bey so gefähr- 0146ligen vnd geschwinden zeithen, alß wir anjezo haben,


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0147nicht erlangen wirt. Ersuche und bitte 0148also ewer kayserliche Mayestät vnderthänigst fueßfälligst 0149erstligen, wann es sein kan, einen anderen vigoroseren 0150vnd doch mit der bürgerschafft vnd vmbligenden 0151ständen discreten kayserlichen generalen (es mueß 0152eben, jedoch ohne vnderthänigste maaßgebung kein 0153kayserliger veldtmarschalckh sein) jehe ehender jehe 0154besser hiehero zuschicken, vnd welcher vigilant und 0155resolut ist, vnd denselben ahn den herrn Herzogen von 0156Sachsen verweisen, daß er general nicht ohne dessen 0157rath und anfrage thue, oder wan es ja anderster 0158nicht sein kan, als das der Carlinfort bleiben solle, 0159das es dann, wie ich oben vnderthänigst angemerckht, 0160eingerichtet werde, dann wahrhafftig deß 0161herrn Bischoffen zu Raab gegenwarth in disen hie- 0162niedigen landen ihro Mayestät meinem Kayser 0163und dem publico, absonderlich aber meinen 0164armen desolierten landen so nöthig, und nöthiger 0165ist, alß brodt. Dahero ich dann vmb gottes willen 0166fueßfälligst bitten, disen herrn von hiesiger 0167gegend absolute nicht zue entfehrnen, wollen 0168dieselbe hiesige landen samentlich, nicht auff ein- 0169mahl über sich vndersich gehen sehen, dann er den 0170credito beym capitulo, der statt Cöllen, denen hiesigen 0171landen, dem Nuntio apostolico, denen see potentien


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0172mit einem worth bey allen hatt, neben der liebe, 0173und grossen aestime, welche derselbe sich bey jeder- 0174männiglich erworben, so ihme sicherlich keine geringe 0175auctoritet erwirbet, und meinem allergnädigstem liebsten 0176Kayser und herrn Mayestät vnd dem gantzen gemeinen wesen 0177dadurch der gröster dienst, vnd vortheil, dahero es 0178auch höchst nöthig ist, das es so eingerichtet wirt, 0179das diser liebster herr mit respect, ehr, und reputa- 0180tion dabey bleiben kan, vnd die haubt direction 0181führe. Solte dises aber wider alles verhoffen 0182nicht sein, vnd er von hinnen zu höchstem vnd vn- 0183begreifflichem schaden vnd nachtheil meines 0184allergnädigsten Kaysers und deß gantzen gemeinen 0185wesens, wegmüessen, solchenfahls werde ich 0186mich der sachen auch im allergeringsten 0187nicht mehr annehmen, vnd alles gehen lassen 0188wie es gehet, dann ich ohne disen herrn absolutè 0189in nichts forth kann, und dependiret hieran 0190guten theils auch mein gesundtheit vnd leben 0191so ich mit solcher resignation zue deroselben 0192vnd deß publici dienst sacrificiren thue, 0193vnd ersterbe. Vt in litteris Düsseldorff 25 januarii 1702. 0194Ahn 0195ihre Mayestät die Kayserin 0196von 0197Chur-Pfalz aygenhändig also abgangen.